Mobirise

Klenk und das Phoenix-Komplott

Bremen, 10. Juni 1954
Im Borgward-Werk rollt der neue Personenwagen ISABELLA vom Fließband. Die Reporter aller großen Zeitungen und Magazine kamen in die Fabrik, um über dieses Ereignis zu berichten. Und sie sind von der außergewöhnlichen und eleganten Form und der guten Straßenlage begeistert.
Drei Monate später bemerkt der Konzernchef Carl F. W. Borgward, dass die Isabella in der Presse schlecht beurteilt wird. Was steckt dahinter? 
Er engagiert Robert Klenk, einen Wirtschaftsjournalisten, der im II. Weltkrieg beim Geheimdienst der Wehrmacht war. Klenk bringt etwas Licht ins Dunkel und es bestätigen sich seine schlimmsten Befürchtungen. Es geht um viel mehr, als um läppische Presseartikel. Es geht um die Existenz der Borgward-Betriebe mit Tausenden von Arbeitsplätzen.
Der Gegner ist schlau, unberechenbar und brutal. Klenk muss diesen gefährlichsten Auftrag seines Lebens erledigen und den  Feind stoppen.

Mobirise

Auszugsweiser Vorabdruck aus dem Buch von André Wagner und Peter Kurze. Das Buch erscheint voraussichtlich im Dezember 2022/Januar 2023.

Vorab

1998


Völlig genervt hob ich den Hörer des klingelnden Telefons ab. Hoch­konzentriert schrieb ich an einem Kapitel meines neuen Buchs über die Carl F. W. Borgward Automobilwerke. Das elektronische Läuten brachte mich aus dem Konzept.
„Kurze!“ knurrte ich in den Hörer und eine männliche Stimme meldete sich.
„Klenk mein Name. Sind Sie der, der die Borgward-Bücher schreibt?“ Die angenehme Stimme schien einem alten Mann zu gehören. Ich schätzte ihn auf 80 Jahre.
„Ja, was kann ich für Sie tun?“ Mein Standard-Satz, wenn ich keine Zeit für ein Telefonat habe. Damit kommt der Gesprächspartner schnell zum Punkt und hält sich nicht mit langen Vorreden auf.
Der ältere Herr behauptete, dass er als Werkstudent vor dem 2. Welt­krieg in der Autofabrik von Borgward in Bremen-Hastedt und nach dem Krieg in der Marktforschungsabteilung im Werk Sebaldsbrück gearbeitet hatte. Das klang interessant; aber einen Haken hatte die Sache doch. Während wir sprachen, schaute ich in das alte Borgward-Firmentelefonbuch von 1959. Eine Abteilung „Marktforschung“ war nicht verzeichnet und im alphabetischen Namenregister tauchte zwar ein Klemm (Standard-Abteilung) und ein Klimaschka (Inspektion) auf, aber kein Klenk. Ein „Zeitzeuge“ der unheimlich auf den Putz haut und mir erzählen will, wie wichtig er war – und dann kein eigenes Telefon im Werk hatte? Solche Aufschneider haben sogar Carl Borgward geduzt, den Chef von 20.000 Mitarbeitern! Höhepunkt ist dann der Satz: „Wenn Carl auf mich gehört hätte, wäre er nicht Pleite gegangen!“. Den Boss duzen, aber kein Telefon!
Letzte Testfrage abschießen und schauen, was er antwortet. Ist die Antwort falsch, Gespräch beenden.
„Ihre Abteilung befand sich doch neben dem Büro von Ingenieur Hattesohl?“
„Nein, nein! Hattesohl war der Leiter vom Musterbau und war in Halle 0. Ich hatte mein Büro im Verwaltungsbau.“ Erstaunlich, der kannte sich aus. Er bat um einen Besuch bei ihm und versprach mir Fotos aus dem Werk für meine Bücher zu leihen.
An einem Freitag im September 1998 stand ich um 11.00 Uhr das erste Mal vor der Tür seines Hauses in Bremen-Schwachhausen und klingelte. Eine heftig aus der Form geratene alte Frau öffnete. Ihre Augen strahlten mich an. Sie lächelte und bat mich herein.
„Herr Kurze, kommen Sie in den Keller. Ich kann nicht mehr so gut laufen!“ rief eine Stimme. Eine Wendeltreppe führte hinab in einen Flur.
„Hier bin ich!“ Ich trat in einen Raum, der eine Mischung aus Bibliothek, Arbeitszimmer und Rauchsalon war. Hinter einem großen Schreibtisch saß Klenk. Er blieb bei der Begrüßung sitzen, bot mir einen Platz an und entschuldigte sich: „Wissen Sie, ich gab vor Jahren das Rauchen auf, weil der Arzt sagte, wenn ich weiter rauchen würde, so könnte ich bald nicht mehr laufen. Seit fast 30 Jahre rauche ich nicht mehr. Nun kann ich tatsächlich nur mit Mühe gehen. Also rauche ich wieder!“ und steckte den Tabak einer Pfeife in Brand. Genüsslich qualmte er vor sich hin.
Robert Klenk erzählte. Er wäre am Lebensabend angekommen, hätte seine ganzen Unterlagen sortiert und möchte mir die Borgward-betreffenden Erlebnisse erzählen. Er sprach von seiner Kindheit in Bremen, von einer Reise nach England, von dem Studium im Berlin der Vorkriegszeit, von der Arbeit als Werkstudent bei Borgward in der Autofabrik und vom Neubeginn 1945. Dabei zeigte er mir viele Fotos.
Es war ein interessantes Gespräch. Aber meinen Fragen nach seiner Kriegszeit und der Borgward-Marktforschungsabteilung wich er aus. Nach zwei Stunden verabschiedete er mich.
Wenige Tage nach dem Treffen saß ich Klenk erneut gegenüber. Er verwickelte mich in ein Gespräch über die Wirtschaft, Bremen, die Politik und mein privates Umfeld. Er schien mich zu prüfen. Und diese Prüfung bestand ich, denn er rückte endlich damit heraus, was er bei Borgward gemacht hatte. Er beriet Carl F. W. Borgward. Man engagierte ihn von Fall zu Fall. Und zwar immer dann, wenn Probleme krimineller Art ohne Polizei und möglichst lautlos gelöst werden sollten.
Was Klenk erzählte, war so absurd, außergewöhnlich und spannend, dass ich zu weiteren Treffen den Kollegen André Wagner mitnahm. Zu zweit notierten wir stichpunktartig Klenks Erlebnisse. Ihm mussten wir versprechen, frühestens 20 Jahre nach seinem Tod die Erinnerungen zu veröffentlichen. Weshalb er diese Frist setzte, ergründeten wir erst viel später, als uns im Jahre 2020 über einen Anwalt ein dicker Brief vom längst verstorbenen Robert Klenk erreichte.

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Donnerstag, 19. März 1953
Hotel Frankfurter Hof, Frankfurt am Main


„Arroganter Fatzke!“, urteilte Borgward, stand wütend auf und verließ die Bar des Hotels.
Vor einer Stunde hatte der Bremer Autoindustrielle Carl F. W. Borgward seine Messestände auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main verlassen. Er war mit seinem großen Wagen, dem Hansa 2400, zum Hotel Frankfurter Hof gefahren, wo er ein luxuriöses Zimmer bewohnte. Gegen 20.30 Uhr betrat er die Hotelbar, setzte sich an die Theke und bestellte ein großes Bier. Auch in feinster Umgebung blieb sich Carl Borgward und seinen bevorzugten Getränken treu. Aus bescheidenen Verhältnissen kommend, arbeitete er sich zum Großunternehmer hoch. In seinen Bremer Autofabriken beschäftigte er 9.000 Mitarbeiter. 36.000 Personenautos und Lastwagen verließen 1952 die Fließbänder. Das Feierabend-Bier und die Ruhe nach dem anstrengenden Messetag hatte er sich redlich verdient.
Diesen Genuss störte ein großgewachsener Mann, der sich ungefragt neben Borgward an die Theke setzte.
„Guten Abend Herr Borgward! Mein Name ist Herribert von Endt. Ich gehöre zur Geschäftsleitung der Hanomag-Werke. Ich freue mich, dass wir uns hier treffen!“
„Was wollen Sie?“, fragte Borgward sichtlich genervt in seiner direkten Art.
„Herr Borgward! Ich komme sofort auf das Thema. Wie Sie wissen, übernahm die Rheinstahl-Unternehmensgruppe den Lkw-Hersteller Hanomag in Hannover. Uns fehlen im Verkaufsprogramm die Personenwagen. Unsere Händler drängen auf Kleinwagen und Mittelklasse-Limousinen. Ihre Autos, der kleine Lloyd, der Hansa 1800 und der 2400 wären für uns die ideale Ergänzung.“
„Wie stellen Sie sich die Sache vor?“
„Es gibt etliche Möglichkeiten: Verkaufsgemeinschaft, Beteiligung oder Kauf ihrer Unternehmen. Denken Sie daran, dass Sie mit ihren 62 Jahren nicht mehr der Jüngste sind. Und der Expansionswille der großen Autofirmen VW, Opel, Mercedes und Ford wird Ihnen schwer zu schaffen machen. Das sollten Sie sich in Ihrem Alter nicht mehr antun. Die Rheinstahl ist bereit, einen außergewöhnlichen Preis zu bezahlen!“
„Was faselt der Lackaffe von zu alt? Ich hab´ doch bewiesen durch den Wiederaufbau meiner Werke in Bremen, dass ich nicht zum alten Eisen gehöre?“, dachte Carl F. W. Borgward und sprach:
„Ach, und unsere Lkw-Produktion wird einfach eingestellt? Obwohl unsere Nutzfahrzeuge besser sind als Ihre! Verkaufen Sie mir doch die Hanomag!“
„Herr Borgward, es ist ja nur eine Variante!“, warf von Endt beruhigend ein. „Wir können eine Verkaufsgemeinschaft mit einer Angleichung des Lkw-Bereichs ins Auge fassen.“
Doch Borgward war nicht zu bremsen. „Dieser arrogante Schnösel verkennt die Tatsachen“, schoss es ihm durch den Kopf. „Ich bin der viertgrößte Autoproduzent der Bundesrepublik. Die Hannoveraner haben es nicht einmal zu einem verkäuflichen Nachkriegs-Pkw geschafft.“
Borgwards Zigarre war ausgegangen. Wütend drückte er sie in den Ascher und blaffte von Endt an: „Ich verbitte mir Ihre Einmischung in meine Geschäftsangelegenheiten!“, und ging.
Von Endt blieb sitzen. So war er noch nie abgekanzelt worden. Er kochte vor Wut: „Dieser halsstarrige Alte!“

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Montag, 4. Mai 1953
Lkw-Produzent Hanomag, Hannover-Linden, Direktionsbüro


„Sie haben hier gründlich versagt!“, wiederholte der Hanomag-Vorstandsvorsitzende. Endlich hatte er einen Grund gefunden, den Emporkömmling von Endt loszuwerden. „Großspurig erklärten Sie, wie Sie den alten Borgward herumbekommen, wie Sie die Übernahme der Borgward-Gruppe einfädeln, wie Sie die führenden Ingenieure auf unsere Seite ziehen, wie Sie die Borgward-Wagen in unser Verkaufsprogramm eingliedern wollen. Und nun schreibt mir Borgward einen Brief, dass er sich weitere Kontaktaufnahmen verbittet. Sie sind ein Versager! Und Sie wollte ich in den Vorstand holen!“
Ungeheure Vorwürfe! Von Endt wurde hier abgekanzelt wie ein Schuljunge. Er musste sich verteidigen. Schuld war doch nur der starrsinnige Borgward. Seine eiserne soldatische Erziehung zwang ihn, ruhig zu bleiben, den Blick starr auf das Rheinstahl-Logo an der Wand gerichtet.
„Sie sind, nein – Sie waren längste Zeit hier der Berater. Ich habe erwartet, dass Sie die Borgward-Übernahme unterschriftsreif vorbereiten. Stattdessen kommen Sie mir mit billigen Ausreden. Sie blamieren mich bis auf die Knochen. Ich habe mich in Ihnen getäuscht. Packen Sie Ihre Sachen, sofort! Verschwinden Sie! Ich will Sie nicht mehr sehen!“
Von Endt verstand nicht, wie er heruntergeputzt wurde. Hasserfüllt und leicht wankend erreichte er sein Büro, raffte wie in Trance die wenigen privaten Dinge zusammen und verließ grußlos das Unternehmen.
In seinem Haus angekommen, zertrümmerte er wie ein Irrer Vasen und zerstörte, was ihm in den Weg kam. Es dauerte, bis er sich beruhigen konnte. Aber umso klarer wurde ihm, dass Carl Borgward an seiner Lage die Schuld hatte.

Diverse Kapitel dazwischen ... 

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Freitag, 10. September 1954
Borgward-Werk Sebaldsbrück, Sitzungssaal, Verwaltungsbau I. Stock


Anwesend: Carl F. W. Borgward, die Kaufmännischen Direktoren Otto Carstens (Borgward GmbH), Albert Doeding (Goliath GmbH), Willy Tegtmeier (Lloyd GmbH) und die Technischen Direktoren Wilhelm Black (Borgward), August Momberger (Goliath), Hans Krämer (Lloyd)

„Meine Herren, ich habe Sie zusammenkommen lassen, weil mir zu Ohren gekommen ist, dass auf dem Presseempfang vor drei Wochen einige Pressevertreter schlecht über unseren neuen Hansa 1500, über die Isabella gesprochen haben. Ich habe den Eindruck, dass sich solche Missstände in der letzten Zeit außergewöhnlich gehäuft haben.“
„Welches Unternehmen und welche Bereiche meinen Sie?“ fragte Lloyd-Chef Tegtmeier.
„Es betrifft hauptsächlich das Werk Sebaldsbrück. Allein die Fahrzeug-Ausfälle bei Rennen durch Unfälle oder durch Motorschaden sind zahlreich. Und welche Wirkung das auf die Öffentlichkeit hat, brauche ich Ihnen wohl nicht erzählen!“
„Herr Borgward, da haben wir keine Vergleichszahlen. Die Rennfahrerei gibt es doch so erst seit zwei Jahren!“
„Herr Carstens, dazu brauche ich keine Vergleichszahlen. Entweder sind das die letzten Chaisen, die Fahrer sind nicht gut oder es steckt noch etwas anderes dahinter.
Wieso wissen die Redakteure, dass die Isabella zu wenig Nutzlast hat und bei fünf Personen kein Gepäck mitgenommen werden darf? Das hat denen doch jemand von uns gesteckt. Wieso reden die Presse-Heinis davon, dass bei Borgward die ersten Käufer die Versuchsabteilung spielen müssen? Wer bringt solche Gerüchte in den Umlauf?“
Betreten senkten die Manager die Köpfe. „Ich will Antworten!“, erklärte Carl Borgward schon wesentlich lauter.
Tegtmeier antwortete und nahm dabei kein Blatt vor den Mund: „Wir kennen alle die Zeitungsschreiber. Reden viel und liefern hinterher doch recht vernünftige Artikel ab, zumal unsere Presse-Abteilung das eigentlich auch im Griff hat. Vermutlich handelt es sich um Einzelfälle, wo man einem Mitarbeiter etwas entlocken konnte und sich nun wichtig tat. Ich glaube nicht, dass da ein Konkurrent oder die Gewerkschaft hinter steht. Eine generelle negative Tendenz hinter den Nachrichten vermute ich nicht.
In letzter Zeit ist mir gemeldet worden, dass sich bei uns, also bei Lloyd, das Presseecho verschlechtert hat. Das liegt daran, dass der 2-Takt-Motor unseres derzeitigen Wagens mehr und mehr ungeliebt ist. Wir kommen nächstes Jahr zur Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt mit dem neuen Modell 600 mit 4-Takt-Motor heraus. Dann bekommen wir mit Sicherheit eine umfangreiche und gute Berichterstattung.“
„Ich glaube nicht, dass Sie recht haben. Deshalb veranlassen Sie, dass größere Missstände in der Produktion, im Bereich der Presse und der Werbung sowie im Verhältnis zu den Arbeitern mir sofort gemeldet werden.“ verlangte Borgward und verließ den Sitzungsraum.
Die Direktoren der verschiedenen Werke, die sich nicht häufig trafen, diskutierten noch über die Situation in den Betrieben. Sie kamen zu dem Schluss, dass in ihren Bereiche außergewöhnliche Sachen passierten, aber eben nicht mehr als früher.

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Montag, 13. September 1954
Borgward-Werk Sebaldsbrück, Büro Carl F. W. Borgward, Verwaltungsbau I. Stock


„Kaum bin ich aus dem Sitzungssaal, werden meine Direktoren wieder lästern und das Problem ignorieren. Ich kenne doch meine Pappenheimer“, meinte Borgward zu seiner Sekretärin Rita Elfenbein.
„Wir hatten vor dem Krieg einen Mitarbeiter, der war erst Werkstudent und dann hat er bei uns in der Auslandsabteilung gearbeitet. Der wurde eingezogen und kam später als Soldat vom Amt Abwehr zu uns. Der beriet uns in Sachen Sabotage. Ein ziemlich pfiffiger Kerl. Hilker soll herausfinden, ob und wo der lebt, und ihm auf den Zahn fühlen. Was er so gemacht hat, was er vor hat, verheiratet und solche Dinge mehr. Und das möglichst schnell.“

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Dienstag, 14. September 1954
Hilker sucht Klenk


Christian Hilker, Chef der Werbe- und Presseabteilung der Carl F. W. Borgward GmbH, fuhr mit einem Hansa 1500-Dienstwagen zum ehemaligen Direktor Bode in der Colmarer Straße. Der war bis Mai 1945 der Abwehr-Beauftragte des Gesamtwerks gewesen. Soldaten des Amtes Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht prüften und berieten regelmäßig alle Rüstungsbetriebe. Durch Maßnahmen wie der bestmöglichen Verteilung der Feuerlöscher im Werk bis hin zur Überprüfung der Belegschaft auf „politisch unzuverlässiger Elemente“ versuchte die Abwehr Sabotage und Werksspionage zu verhindern. Bodes Aufgabe bestand darin, mit dem Amt zusammen zu arbeiten.
August Bode wusste sofort Antworten auf Hilkers Fragen.
„Das war Robert Klenk. Der war, glaube ich, um 1915 geboren. Ein ganz wendiger und fixer Kerl. Er erzählte mir, dass sein Vater in der Neustadt zwei Drogerien besaß. Als kleiner Junge staunte er immer wieder über die vielen geheimnisvollen Kästen und Flaschen im Labor der Drogerie. Dort brauten die Gesellen nach alten Rezepten Seifen, Möbelpolitur, Lacke, Haarwasser und Fotoentwickler zusammen.
Wenn ich mich richtig erinnere, hatte der Klenk sein Abitur gemacht und in Berlin Wirtschaft studiert. In den Semesterferien arbeitete er bei uns als Werkstudent. Nach dem Studium war er bei mir in der kaufmännischen Abteilung. Und dann zog ihn die Wehrmacht ein.“
„Was hat der im Krieg gemacht?“, fragte Hilker.
„Du kannst Dir vorstellen, wie erstaunt ich war, als der 1939 in Uniform vor mir stand. Der war beim Geheimdienst der Wehrmacht gelandet, die hießen eigentlich Amt Ausland/Abwehr. Und weil der unseren Betrieb kannte, hat man ihn zur Abwehrnebenstelle Bremen versetzt. Die war im Haus des Reichs, wo heute das Finanzamt drin ist.

Ein Kapitel dazwischen ...

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Mittwoch, 15. September 1954
Büro Robert Klenk, Donandtstraße


Noch am gestrigen Nachmittag hatte Hilker Carl F. W. Borgward von seinem Besuch und der Ablehnung berichtet.
Nun saß Carl F. W. Borgward im Büro von Robert Klenk.
„Herr Klenk, wir haben im Werk Probleme. Sie haben Erfahrungen durch ihre Tätigkeit im Geheimdienst der Wehrmacht und Sie sind Journalist. Deshalb brauchen wir Sie. Als der neue 1,5-Liter-Wagen, die Isabella, im Juni auf dem Markt kam, gab es einige negative Presseartikel darüber. Auch wenn unsere Rennwagen bei einer Motorsportveranstaltung ausfielen, meckerte die Presse herum und machte uns schlecht. Und zwar mehr als im üblichen Rahmen. Das sieht für mich nach System aus. Oder haben wir einige Journalisten beleidigt? Will uns jemand ans Leder?
Hier brauche ich Ihre Hilfe.“
„Herr Borgward, ich schaffe das zeitlich nicht. Die Arbeit stapelt sich bei mir.“
„Herr Klenk, wenn das nur eine Frage des Honorars ist, so werden wir uns schon einig. Ich biete Ihnen Ihren Stundensatz und eine Erfolgsprämie.“
„Nein, nein, Herr Borgward. Es ist ein Zeitproblem.“
„Übernehmen Sie die Aufgabe. Verschieben Sie Ihre Artikelserie. Oder vielleicht kann Ihnen zumindest Hilker als Pressechef helfen? Der könnte für Sie recherchieren, sodass Sie abends nur noch schreiben müssen.
Denken Sie auch daran, dass ich vor dem Krieg Sie gefördert habe."
"Das vergesse ich Ihnen auch nicht, Herr Borgward."
Der "Alte" zündete sich eine Zigarre an und sagte:
"Herr Klenk, ich brauchen Sie!“
Klenk sagte zu.

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Samstag, 16. Oktober 1954,
Kleiner Ratskeller, Hinter dem Schütting 11

Klenk und sein Freund Georg Wilke, genannt Schorse, saßen in dem kleinen Lokal, das Luftlinie keine 100 Meter vom Roland entfernt war.
„Ich muss mit Dir über meinen Auftrag sprechen, weil ich nicht weiß, wie ich vorgehen soll. Teile der Presse behandeln Borgward seit April schlecht. Die Autos werden dem Leser madig gemacht und die Wirtschaftsnachrichten stellen heraus, dass Borgward eine viel zu geringe Kapitaldecke hat, von den Gewerkschaftern bestimmt wird und sowieso ein Wackelkandidat ist, der kurz vor der Pleite steht. Was steckt dahinter? Das kann ja nur eine Kampagne sein. Nicht von einem einzelnen rachedurstigen Schreiber durchgeführt, wie ich bisher vermutete, sondern anscheinend von mehreren Journalisten. Also steckt Geld hinter der ganzen Sache. Weshalb gibt einer Geld aus, um Borgward zu schaden?“
„Ein Konkurrent hätte Grund genug, der Bremer Autoindustrie zu schaden.“, meinte Georg.
„Würde der nicht ein Auto direkt angehen? Nehmen wir beispielsweise Gutbrod aus Süddeutschland. Die bauen einen 700-Kubikzentimeter-Wagen mit 2-Takt-Motor und 30 PS. Der Konkurrent ist der GP 700 von Borgwards Tochterfirma Goliath. Es wäre logisch, dass Gutbrod den Goliath-Pkw schlecht macht, aber doch nicht die neue Isabella mit ihren 60 PS, die ist keine Konkurrenz für ihn und stört nicht. Es werden aber alle Autos der gesamten Borgward-Gruppe angegriffen.“
„Das ist doch klar! Da will einer die Borgward-Gruppe schlucken!“, stellte Georg fest und machte ein Gesicht, als wenn er so eben das Rad erfunden hätte.

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